Posted On: July 30th 2026, 03:22 pm
Ein Gesicht übt Macht aus, es verführt, verängstigt, weist ab. Ist dies der Grund, warum im islamischen Kontext die Verhüllung der Frau eine religiöse Forderung ist? Für die Berliner Künstlerin
@tinefurler (geb. 1972 in Offenburg) ist die Burka daher ein starkes, herausforderndes Motiv.
Die Burka erscheint in ihrem Werk aber nicht als dokumentarisches Motiv, sondern als künstlerisches Medium, das Fragen nach Identität, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Zuschreibung thematisiert. Die Verhüllung lenkt den Blick weniger auf die dargestellte Person als auf die Erwartungen und Deutungsmuster der Betrachtenden. Indem Furler aber nicht Frauen, sondern Männer hinter der Burka zeigt (sie hat dazu Aufnahmen von Männermodels mit dem Burka-Schema überarbeitet), hinterfragt sie einmal mehr die Bedeutung von Verschleierung und Verbergung als männlich-repressives Muster der Machtausübung und Unterdrückung.
Als stark aufgeladenes Symbol der Gegenwart steht die Burka im Spannungsfeld von Religion, Politik und kultureller Identität. Furler nutzt dieses Zeichen jedoch nicht für eine eindeutige Aussage, sondern macht dessen Ambivalenz sichtbar. Ihre Arbeiten eröffnen einen Reflexionsraum, in dem sich kulturelle Projektionen und Vorstellungen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit begegnen.
Kunsthistorisch knüpfen die Werke an Positionen der Gegenwartskunst an, die den Körper als gesellschaftlich geprägte Konstruktion verstehen. Die vollständige Verhüllung hebt individuelle Merkmale auf und macht den Körper zugleich als räumliche und bildnerische Präsenz erfahrbar. Stoff, Falten und Volumen entwickeln dabei eine eigenständige skulpturale Qualität und erinnern an die Tradition der Draperie, deren Funktion hier ins Gegenteil verkehrt wird: Nicht das Sichtbarmachen, sondern das Verbergen des Körpers wird zum eigentlichen Bildthema.
Die Burka wird so zum Spiegel gesellschaftlicher Wahrnehmung. Anstelle einer Aussage über Religion oder Kultur untersucht Furler die Mechanismen des Sehens selbst. Ihre Arbeiten zeigen, wie Identität durch kulturelle Codes und Projektionen entsteht, und laden dazu ein, die eigenen Sehgewohnheiten kritisch zu hinterfragen.
Abb.: Burka Mann 11 u. 14, 2011