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a month ago
„Einige Freundinnen und Freunde fragten mich damals, ob ich denn wirklich so nah bei Großmutter leben wolle. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die erste Wohnung mit der Familie bricht, und ob ich denn keine eigene Zukunft wolle, kein eigenes Leben. Bis heute 
nehme ich es ihnen nicht übel, verstehe allerdings immer noch nicht, wie das gehen soll und 
was das sein soll, ein eigenes Leben“ (S. 17).

Die Ich-Erzählerin lebt jahrelang in einer Wohnung in Berlin, ihre Großeltern leben in einer Wohnung im Nachbarhaus. Als Kind ist sie an vielen Wochenenden bei ihnen. Die Großeltern sind Anfang der Siebziger Jahre mit ihrer Tochter (der Mutter der Ich-Erzählerin) vom sowjetischen Lettland nach Deutschland gekommen. Oft ist von ‚früher‘ die Rede. 
„Lange dachte ich, Früher heißt das Land, aus dem sie kamen. Immer und überall Früherund vor allem beim und im Essen tauchte es auf“ (S. 55) 
Das ‚Früher‘ findet sich auch in den Sprachen der Großeltern wieder – Lettisch, Russisch und Jiddisch. Der Großvater nennt seine Enkelin liebevoll „Main Fegele“.

Nach dem Tod des Großvaters pflegen die Großmutter und die Ich-Erzählerin ihre Nachbarschaft. Ihre tiefe Verbindung zeigt sich in alltäglichen Kleinigkeiten – sie erkundigen sich vor einem Einkauf, ob die andere etwas braucht, die Enkelin begleitet ihre Großmutter 
auf den Friedhof, wo sie meistens gemeinsam einen Stein auf den Grabstein des Großvaters legen.

Als auch die Großmutter stirbt, räumt die Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrer Mutter deren 
Wohnung aus. Und, sie beginnt, in den Ordnern, die die Großmutter angelegt hatte zu stöbern. Neben Einträgen über alltägliche Abläufe finden sich auch Dokumente, die die Geschichte des Urgroßvaters beleuchten, der im Rigaer Ghetto gestorben war. Stück für Stück versucht die Ich-Erzählerin, die Fragmente der Familiengeschichte zusammen zu setzen, indem sie auch ihre Mutter befragt. Und, sie möchte unbedingt den mütterlichen Geburtsnamen Levitanus annehmen und stellt dafür einen Antrag.

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Posted On: September 30th 2026, 06:45 am
„Einige Freundinnen und Freunde fragten mich damals, ob ich denn wirklich so nah bei Großmutter leben wolle. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die erste Wohnung mit der Familie bricht, und ob ich denn keine eigene Zukunft wolle, kein eigenes Leben. Bis heute
nehme ich es ihnen nicht übel, verstehe allerdings immer noch nicht, wie das gehen soll und
was das sein soll, ein eigenes Leben“ (S. 17).

Die Ich-Erzählerin lebt jahrelang in einer Wohnung in Berlin, ihre Großeltern leben in einer Wohnung im Nachbarhaus. Als Kind ist sie an vielen Wochenenden bei ihnen. Die Großeltern sind Anfang der Siebziger Jahre mit ihrer Tochter (der Mutter der Ich-Erzählerin) vom sowjetischen Lettland nach Deutschland gekommen. Oft ist von ‚früher‘ die Rede.
„Lange dachte ich, Früher heißt das Land, aus dem sie kamen. Immer und überall Früherund vor allem beim und im Essen tauchte es auf“ (S. 55)
Das ‚Früher‘ findet sich auch in den Sprachen der Großeltern wieder – Lettisch, Russisch und Jiddisch. Der Großvater nennt seine Enkelin liebevoll „Main Fegele“.

Nach dem Tod des Großvaters pflegen die Großmutter und die Ich-Erzählerin ihre Nachbarschaft. Ihre tiefe Verbindung zeigt sich in alltäglichen Kleinigkeiten – sie erkundigen sich vor einem Einkauf, ob die andere etwas braucht, die Enkelin begleitet ihre Großmutter
auf den Friedhof, wo sie meistens gemeinsam einen Stein auf den Grabstein des Großvaters legen.

Als auch die Großmutter stirbt, räumt die Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrer Mutter deren
Wohnung aus. Und, sie beginnt, in den Ordnern, die die Großmutter angelegt hatte zu stöbern. Neben Einträgen über alltägliche Abläufe finden sich auch Dokumente, die die Geschichte des Urgroßvaters beleuchten, der im Rigaer Ghetto gestorben war. Stück für Stück versucht die Ich-Erzählerin, die Fragmente der Familiengeschichte zusammen zu setzen, indem sie auch ihre Mutter befragt. Und, sie möchte unbedingt den mütterlichen Geburtsnamen Levitanus annehmen und stellt dafür einen Antrag.

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Comments (10)
ricardamessner a month ago

ricardamessner

🥹🌹

tinaostwald410 a month ago

tinaostwald410

Nein, aber ich hätte gern eine Großelternfamilie gehabt, überhaupt…😢

bianca.liebt.buecher a month ago

bianca.liebt.buecher

Liebe Angelika, mich erfreut es sehr, dass du dieses Buch auch so mochtest..genau wie du beschreibst, hatte ich auch die kleinen Feinheiten..als etwas bereicherndes empfunden ..eins meiner Highlights 2025🔥😍🔥

yvonne.schauch a month ago

yvonne.schauch

Das klingt nach einer sehr berührenden Lektüre. Vielen Dank fürs Vorstellen, liebe Angelika, das notiere ich mir.

rrangelika a month ago

rrangelika

Ricarda Messner macht sich in ihrem Debütroman „Wo der Name wohnt“ - im Februar 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen – auf die Suche nach der Familiengeschichte ihrer Ich-Erzählerin. Beeindruckend ist, wie liebevoll und feinfühlig die Autorin von der Sehnsucht nach der eigenen Geschichte erzählt, vom Wunsch, die eigenen Wurzeln zu kennen und wie sie die Frage beleuchtet, wo man sich zu Hause fühlt – an einem Ort? In einer Sprache? Im Verbund mit geliebten Menschen? Mit einem Namen, der von Generation zu Generation weitergegeben wird? Mich hat die Lektüre sehr angerührt durch Messners Augenmerk auf Kleinigkeiten (wie Einkaufszettel, Wohnungsgegenstände usw.), denen sie Bedeutung beimisst und durch ihr Erkunden, was und wie in Familien erinnert wird. Kennst du das Buch? Wenn ja, wie hast du es empfunden? #wodernamewohnt #ricardamessner #familiengeschichte #riga #jüdischesleben

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