Die Zeit mit meiner Oma ist jetzt in ihren letzten Lebensjahren so intensiv und augenöffnend wie nie zuvor.
Eine Frau, die ihr Leben lang funktioniert und sich stets für andere aufgeopfert hat. Die immer über ihren eigenen Körper hinweg gegangen ist. Die nie gefragt wurde, wie es ihr geht, sondern nur, ob alles erledigt ist.
Kriegskind, Mangel, Leistung. Gefühle runterschlucken, weitermachen.
Ich erkenne das. Ich fühle ihre Last. Und dennoch handle ich oft ganz genauso.
Vielleicht liegt das nicht nur an meinen Genen. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Ich habe gesehen, wie sie gelebt hat, wie sie mit Stress umging, wie sie ihre Bedürfnisse hinten angestellt hat. Als Kinder lernen wir nicht durch Erklärungen, sondern durch Beobachtung. Wir übernehmen Haltungen, Reaktionen und Überzeugungen. Irgendwann nennen wir sie unseren Charakter, obwohl vieles davon einfach das ist, was unser Nervensystem als sicher kennengelernt hat.
Vielleicht kennst du das. Du hast ein gutes Leben, genug zu essen, ein Zuhause und trotzdem fühlt sich dein Inneres an, als würdest du jeden Tag gegen etwas kämpfen, das du gar nicht benennen kannst. Du liegst abends im Bett, der Körper todmüde und trotzdem läuft innen noch dieser unsichtbare Alarm.
Auch die Epigenetik beschäftigt sich mit der Frage, wie starke Belastungen Spuren hinterlassen können und welchen Einfluss Erfahrungen über Generationen hinweg haben. Vieles wird dazu noch erforscht. Klar ist aber, dass wir unserer Geschichte nicht hilflos ausgeliefert sind.
Wenn ich bewusst atme, meinen Körper wieder spüre und lerne, mich sicher zu fühlen, beginnt etwas Neues. Ich muss nicht alles weitertragen, nur weil es vor mir getragen wurde.
Meine Erschöpfung hat ein Gesicht. Es ist das meiner Oma.
Und genau deshalb weigere ich mich, sie einfach nur weiterzutragen.
In meinem Körper darf ihre Geschichte zum ersten Mal Pause machen.
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