Posted On: October 5th 2026, 08:08 pm
Aus heutiger Sicht ist es ziemlich erschütternd, dass die Massenentführung und -vergewaltigung von Frauen über Jahrhunderte zu einem wiederkehrenden, positiv konnotierten Thema der Kunstgeschichte wurde. Auch in Jena findet sich eine solche Darstellung: “𝐃𝐞𝐫 𝐑𝐚𝐮𝐛 𝐝𝐞𝐫 𝐒𝐚𝐛𝐢𝐧𝐞𝐫𝐢𝐧𝐧𝐞𝐧“ – allerdings an einem ungewöhnlichen Ort, an der Wand des alten Universitätskarzers.
Gemalt wurde sie am 30. Juli 1822 von 𝐌𝐚𝐫𝐭𝐢𝐧 𝐃𝐢𝐬𝐭𝐞𝐥𝐢 (1802–1844), einem Schweizer, der damals in Jena studierte und später als Maler und politischer Karikaturist bekannt wurde. Sie gehört zu mehreren Darstellungen, mit denen er die Wände des Karzers bemalte.
Disteli machte aus dem antiken Stoff eine satirische Szene des Jenaer Universitätslebens: Aus römischem Gründungsmythos wurde studentischer Spott – und aus einer Karzerwand ein bis heute erhaltenes Stück Kunstgeschichte.
Aber warum malte Disteli überhaupt in einem Karzer?
Ein Karzer war das universitätseigene Gefängnis. Universitäten besaßen lange eine eigene Gerichtsbarkeit und konnten Studenten zu Arrest verurteilen. Viele historische Karzerwände sind voll von Namen, Sprüchen, Zeichnungen und Karikaturen.
Am 30. Juli 1822 saßen hier Wilhelm Ludwig Demme und Johann Georg Specht. Disteli war mit beiden befreundet, besuchte sie während ihrer Haft – und bemalte dabei die Wände.
Der Mythos bleibt verstörend: Romulus lässt die Frauen der benachbarten Sabiner während eines Festes rauben, um dem jungen Rom Frauen und Nachkommen zu verschaffen. Dass daraus ein so langlebiges Thema der europäischen Kunst werden konnte, zeigt, wie selbstverständlich Gewalt gegen Frauen ästhetisiert, heroisiert und nicht selten erotisiert wurde.
Fast scheint es, als habe erst Pablo Picasso in seinen Fassungen von 1962/63 die verstörende Gewalttätigkeit des Mythos ohne Beschönigung ins Zentrum gerückt: Bei ihm wird aus dem Historienbild eine bedrohliche Szene von Gewalt und Schrecken.
👉 Den Mythos, seine Deutung, einige seiner berühmtesten Darstellungen und ein Selbstbildnis Distelis findet ihr in den weiteren Bildern des Beitrags.
[Teichgraben 7]
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