Instagram story viewer> @la_chienne> Posts
2.9K
followers
1160
following
📖 reading is my superpower ;)
📖 @buechergilde-Botschafterin
📖 #hotlistbloggen 2025 & 2026
📖 #schönebücherbotschafterin 2023 der @stiftungbuchkunst
POSTS STORIES REELS TAGGED
Download All
Émile Zola zeigt in „Wie man heiratet und wie man stirbt“ anhand von neun Fallbeispielen, dass Heirat und Tod nicht nur persönliche Ereignisse sind, auch Geld, Herkunft und die gesellschaftliche Stellung spielen dabei eine wichtige Rolle.

Besonders deutlich wird das beim Vergleich der verschiedenen sozialen Schichten. Für die einen steht bei einer Heirat die Liebe im Vordergrund, für andere sind aber Geld, Sicherheit und gesellschaftlicher Status wichtiger. 

Selbst im Tod lösen sich diese Unterschiede nicht auf, was Zola eindrucksvoll am Beispiel des Friedhofs Père-Lachaise zeigt. Die prunkvollen Grabmäler der Reichen beschreibt er sinngemäß als eine Art Möbelausstellung. Der gesellschaftliche Rang wird also selbst über den Tod hinaus zur Schau gestellt. Ein herrlich bissiges Bild, das treffend veranschaulicht, dass die sozialen Gräben bei Zola nicht einmal vor der Friedhofsmauer haltmachen.

Die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten lassen sich für mich gut mit dem heutigen Begriff des Klassismus verbinden. Auch wenn es diesen Begriff zu Zolas Zeit noch nicht gab, wirken seine Beobachtungen einfach aktuell. Menschen haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen im Leben. Geld, Bildung, familiäre Unterstützung und soziale Kontakte können einen großen Einfluss darauf haben, welche Möglichkeiten jemand hat. Trotzdem wird Erfolg oft so dargestellt, als hinge er einzig von persönlichem Einsatz und Leistung ab.

Beim Lesen musste ich deshalb immer wieder an unser Heute denken. Zola macht sichtbar, dass hinter vielen scheinbar ganz privaten Entscheidungen doch auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Zwänge stecken. 

Aus dem Französischen von Ulrich Friedrich Müller und Kristian Wachinger.

Gelesen mit unserer #klassikerchallenge -Gruppe.
Vielen Dank für den tollen Austausch an @ankeschmeier @frau_fussi @tausendlexi @wolke.und.pfefferminz ! by @la_chienne
18
25 days ago
Download
In diesem Sommer jährte sich die verheerende Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal.
Simone Scharbert, die in unmittelbarer Nähe der großen Kiesgrube bei Erftstadt-Blessem lebt, versucht in "alphabet des wassers", eine Sprache für das zu finden, was sie in dieser Zeit beobachtet und erlebt hat.

Beim Lesen der „102 Versatzstücke entlang der Erft“ steigen die damals so unwirklich wirkenden Fernsehbilder wieder vor meinem inneren Auge auf. „Bilder, die sich nicht ausdenken lassen. Bilder, die nur das Wasser malt.“ Auch die Redensarten, die Simone Scharbert geschickt in ihren Text einwebt und die wir oft beiläufig verwenden, bleiben mir beim Lesen im Hals stecken. Ich vergesse zu atmen. Wasser sammelt sich in meinem Mund, ich muss schlucken. Es verschwindet scheinbar in mir, wird wieder eins mit mir und arbeitet weiter – wie meine Gedanken.

Simone zeigt, dass „das Wasser seine eigene Sprache hat“ und damit an unserem menschlichen Bedürfnis nach Ordnung, Erklärbarkeit und Kontrolle vorbeifließt. Für das, was die Menschen im Ahrtal 2021 erlebt haben, fehlen oft die Worte. Umso wichtiger erscheint der Versuch, eine Sprache dafür zu finden. Denn erst durch das Versprachlichen wird es möglich, über das Unglaubliche zu sprechen, das Unvorstellbare mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen, Erfahrungen zu teilen und ein Stück weit zu begreifen. Wörter wie „Überfluss“ oder „Kranwasser“ erhalten, wie Simone eindrucksvoll zeigt, plötzlich eine neue Bedeutung. Aus dem Fehlen passender Begriffe entstehen in und durch Simones Text neue Wörter und neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Es ist ein Text, der tief berührt und betroffen macht, der mich als Leserin jedoch nicht hoffnungslos zurücklässt. Indem er sichtbar macht, Fragen stellt und Ursachen reflektiert, eröffnet er einen Raum für ein nachdenkliches und lösungsorientiertes Weiterdenken. "Ein Lernen über Wasser." – wie es auch der Klappentext bereits verspricht. Und zugleich die Erkenntnis, dass sich die Natur nicht kontrollieren lässt, sondern dass wir ihr mit mehr Achtsamkeit und Demut begegnen müssen, um zu einem tragfähigen Miteinander zu gelangen.

Wie alle Texte von Simone Scharbert ist auch ... ⬇️ by @la_chienne
24
a month ago
Download
Anlässlich der Nominierung von "Parasiti" von Alisha Gamisch für die Hotlist 2026 hatte ich als Buchpatin die Gelegenheit, dem Verleger Leif Greinus und dem Lektor Helge Pfannenschmidt von Voland & Quist einige Fragen zu stellen.

In ihren Antworten geben sie Einblicke in die Veröffentlichung des Romans, die Bedeutung der Nominierungen für Verlag und Buch sowie die Arbeit und Herausforderungen eines unabhängigen Verlags.

Vielen Dank an Leif Greinus und Helge Pfannenschmidt für die Beantwortung meiner Fragen. ✨️

Here we go! ⤵️

-----
1️⃣
👩🏻: Was hat euch beim ersten Lesen von Parasiti sofort überzeugt? Gab es einen bestimmten Moment, eine Szene oder eine Stimme im Text, bei der für euch klar war: Dieses Buch gehört ins Programm von Voland & Quist?

LEIF GREINUS: Der Einstieg in das zweite Kapitel mit den Szenen in Sibirien des Jahres 1961 hat mich überwältigt und den unbedingten Wunsch ausgelöst, Parasit zu verlegen.  

2️⃣
👩🏻: Die russlanddeutsche Migrationsgeschichte ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur noch immer vergleichsweise wenig sichtbar. Welche Rolle hat dieser Aspekt bei eurer Entscheidung für die Veröffentlichung gespielt? Habt ihr darin auch die Chance gesehen, eine Perspektive stärker in den literarischen Diskurs einzubringen?  

LEIF GREINUS: Eine sehr entscheidende Rolle. Das Missverhältnis zwischen Wahrnehmung der "Russlanddeutschen" im Alltag und dem kaum Vorhandensein in der Gegenwartsliteratur war ein starker Impuls für die Veröffentlichung. Voland & Quist hat den Anspruch, die Gesellschaft durch Bücher positiv zu gestalten. Neben ästhetischen Fragen zur Sprache sind wichtige Kriterien für uns die erzählten Figuren und das Setting der Texte.

... ⬇️ by @la_chienne
18
a month ago
Download
Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ (mein @diehotlist -Patenbuch! 🔥) erzählt die Geschichte einer russlanddeutschen Familie über drei Generationen. Ausgelöst wird die Handlung durch ein scheinbar kleines Ereignis: Radikale Abtreibungsgegner werfen einen Brief mit der Plastikfigur eines Fötus in den Briefkasten der Familie. Als die Großmutter Lydia die Figur entdeckt, verstummt sie schlagartig. Ihre Enkelin Rina und deren Tante Valli beginnen nach den Ursachen zu suchen und stoßen auf eine Vergangenheit, über die jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Der Roman entfaltet sich auf drei Zeitebenen und aus den Perspektiven der drei Frauen. 
Lydia kämpft in den 1960er Jahren in Sibirien mit den Folgen von Deportation, Armut und patriarchalen Strukturen. Besonders diese historischen Passagen sind fesselnd. Die Härte des Lebens in Sibirien, die Kälte, die Enge und die ständige Anpassung an ein repressives System werden hier eindringlich geschildert.
Valli steht für die Generation, die den Weg aus der Sowjetunion nach Deutschland wagt. 
In der Gegenwart versucht Rina, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, merkt aber immer wieder, dass bestimmte Ängste und Verhaltensmuster tiefer reichen als ihre eigenen Erfahrungen.

Die große Stärke des Romans liegt für mich in der Darstellung transgenerationaler Traumata. Gamisch zeigt, dass Menschen nicht bei null beginnen. Erfahrungen von Gewalt, Entwurzelung, Anpassungsdruck und Sprachlosigkeit wirken über Generationen hinweg fort. Besonders deutlich wird das an Rina, die in Beziehungen Schwierigkeiten hat, eigene Grenzen zu setzen und für ihre Bedürfnisse einzustehen. Ihre innere Zerrissenheit bringt Gamisch in einem eindrücklichen Seile-Bild auf den Punkt:

„Manchmal fühlt es sich an, als wären die Vorstellungen ihrer Mutter, Tante und Großmutter um sie geschlungen wie Seile. Sie zupft an den Knoten, aber bekommt sie nicht auf. Könnte Rina die Knoten lösen, würde sie die Seile triumphierend abstreifen – und dann? Würde sie sich vermutlich nackt fühlen, wenn sie ehrlich ist. Sie ist ein sorgfältig geschnürtes Päckchen, festgehalten und behütet.“

Erst nach und nach wird sichtbar, dass s by @la_chienne
56
a month ago
Download
Im Mittelpunkt von Harper Lees Roman "Wer die Nachtigall stört" steht die junge Scout Finch, die gemeinsam mit ihrem Bruder Jem in den 1930er Jahren in einer Kleinstadt in Alabama aufwächst. Durch ihre kindliche Perspektive erleben wir eine Welt, die zunächst überschaubar und vertraut wirkt, deren gesellschaftliche Regeln sich jedoch schnell als von Vorurteilen, Ausgrenzung und Ungleichheit geprägt erweisen. Als ihr Vater Atticus Finch die Pflichtverteidigung eines schwarzen Mannes übernimmt, der zu Unrecht der Vergewaltigung einer weißen Frau beschuldigt wird, gerät diese scheinbare Ordnung ins Wanken.

Der Roman ist gleichzeitig Gerichtsdrama, Coming-of-Age-Erzählung und Gesellschaftsporträt. Dabei vezichtet Harper Lee weitgehend auf moralische Belehrungen und zeigt stattdessen, wie Vorurteile entstehen, wie sie weitergegeben werden und welche Folgen sie für Menschen haben können. Gerade weil Scout die Ereignisse mit einer kindlichen Neugier beobachtet, wirken viele Szenen noch viel eindringlicher.

Das Besondere an "Wer die Nachtigall stört" war zur Zeit seiner Erstveröffentlichung 1960 sicherlich nicht nur das Thema selbst, sondern auch der Mut, die Ungerechtigkeit des Alltags im amerikanischen Süden, in einer Gesellschaft, die sich mitten in Auseinandersetzungen um Bürgerrechte, Rassentrennung und Gleichberechtigung befand, so offen darzustellen. Die Themen des Romans – Vorurteile, Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Verantwortung des Einzelnen – haben leider nichts von ihrer Aktualität verloren.

... ⬇️ by @la_chienne
30
a month ago
Download
In "Das Jahr der Schmetterlinge" nimmt uns die dänische Journalistin Lea Korsgaard mit auf eine besondere Suche, denn innerhalb eines Jahres möchte sie jede tagaktive Schmetterlingsart ihres Landes in der freien Natur finden.

Sie beginnt dieses Projekt ohne großes Fachwissen. Nach und nach arbeitet sie sich in das Thema ein, spricht mit Fachleuten und merkt schnell, wie schwierig ihr Vorhaben eigentlich ist. Viele Arten sind sehr selten, nur an wenigen Tagen im Jahr zu sehen und außerdem oft perfekt getarnt. Ihr ehrgeiziges Ziel vergleicht sie mit dem Erlernen einer neuen Sprache. Ein Bild, das ich hier sehr passend fand.

Ihre Suche führt sie quer durch Dänemarks Moore, Wälder und Küstenlandschaften und verändert nach und nach ihren Blick auf die vermeintlich so vertraute Umgebung.

Besonders gelungen sind ihre feinfühligen, genauen Naturbeschreibungen. Sie fängt für uns Lesende selbst die flüchtigsten Momente ein und man beginnt mit ihr mitzufiebern und sich mit ihr über jede neue Entdeckung zu freuen.

Gleichzeitig liegt eine leise Melancholie über dem Buch. Das Insektensterben, der Klimawandel und der Verlust von Lebensräumen schwingen fast auf jeder Seite mit. Korsgaard schreibt darüber weder belehrend noch laut, aber man spürt deutlich, wie wichtig ihr diese Themen sind (und wie wichtig uns allen diese sein sollten!) 

"Die Tiere und Pflanzen verschwinden aber nicht von einem Tag auf den anderen. Wenn ich schreibe, dass die Natur in Flammen steht, meine ich das größtenteils symbolisch, weil wir bei dem Verlust nicht so unmittelbar zusehen können wie bei den brennenden Gebäuden. [...] Aber es gibt kein kollektives, intuitives Bewusstsein für das Ausmaß dieser Brutalität. Wir haben keine gemeinsame, vorsprachliche Trauer darüber, was wir da verlieren."

Was mir besonders gut gefallen hat: Immer wieder verknüpft Korsgaard ihre Erlebnisse mit Gedanken aus Wissenschaft und Literatur. Die Metamorphose der Schmetterlinge dient ihr dabei als Bild für Umbrüche im Leben. Sie streift dabei Gedanken, die ich gerne noch weiter verfolgt hätte.

An einigen Stellen scheint ihr Alltag durch: die Müdigkeit, die Zweifel und der ständige Vers by @la_chienne
28
2 months ago
Download
Im Mittelpunkt von Leon Englers autobiographisch beeinflusstem Roman "Botanik des Wahnsinns" steht Leon, der mit dem Wissen aufwächst, dass psychische Erkrankungen seine Familie über Generationen hinweg geprägt haben. Die Angst, selbst zu erkranken, begleitet ihn lange Zeit. Sein Lebensweg führt ihn zunächst nach New York, später nach Wien und schließlich in eine psychiatrische Klinik – nicht als Patient, sondern als Psychologe.

Engler erzählt hier die Geschichten seiner Familienmitglieder mit großer Offenheit und spürbarer Nähe, ohne sie zu idealisieren oder zu verurteilen. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild von Menschen, deren Lebenswege eng mit psychischen Belastungen verbunden sind. Dies wird sinnvoll durch Passagen, in denen der Autor Einblicke in die Psychiatrie und den gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen gibt, ergänzt. 

Der Roman macht deutlich, wie häufig Menschen auf Diagnosen reduziert werden und wie wenig Raum oft für die individuellen Geschichten hinter einer Erkrankung bleibt. Gleichzeitig beschäftigt sich der Erzähler mit der Frage, inwieweit familiäre Prägungen und traumatische Erfahrungen über Generationen hinweg nachwirken. Dabei zeigt das Buch, dass Herkunft und Vergangenheit zwar Einfluss auf das eigene Leben haben, dieses jedoch nicht vollständig (vor)bestimmen.

"Botanik des Wahnsinns" setzt sich mit psychischer Krankheit, gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität, familiärem Erbe und der Suche nach dem eigenen Platz im Leben auseinander und plädiert für einen differenzierteren Blick auf Menschen und ihre Geschichten – mit weniger vorschnellen Urteilen.
Ein Buch, das Bewusstsein schafft und mich lange noch innerlich beschäftigt hat. Was ist "normal" und was machen solche Etikettierungen mit uns?

#büchergildebotschafter @buechergilde
Programmvorstellung Q2/2026
[Werbung / unbezahlte Kooperation] by @la_chienne
15
4 months ago
Download
Ursula K. Le Guins Science-Fiction-Roman "Das Wort für Welt ist Wald" spielt auf dem Planeten Athsche, dessen Oberfläche fast vollständig von Wald bedeckt ist. Für die dort lebenden Athscheaner ist dieser Wald viel mehr als nur Natur – er ist ihre Heimat, ihre Lebensgrundlage und letztlich ihre gesamte Welt. Besonders interessant fand ich die Idee, dass „Wald“ und „Welt“ in ihrer Sprache dasselbe Wort bedeuten. Dadurch wird deutlich, wie eng die Verbindung zwischen den Athscheanern und ihrer Umwelt ist. 

Im starken Kontrast dazu stehen die menschlichen Kolonisten von der Erde. Da ihre eigene Welt durch jahrhundertelange Ausbeutung weitgehend zerstört wurde, betrachten sie Athsche vor allem als Rohstoffquelle. Sie roden die Wälder, versklaven die einheimische Bevölkerung und behandeln sie als minderwertig. Dabei wiederholen sie genau die Fehler, die bereits ihre Heimatwelt ruiniert haben. 

Beim Lesen hatte ich häufig den Eindruck, dass Le Guin nicht nur von einer fernen Zukunft erzählt, sondern auch von Denk- und Verhaltensweisen, die bis heute existieren. Besonders eindrücklich zeigt sie, wie Kolonialismus durch Sprache gestützt wird. Die Athscheaner werden von den Menschen abwertend als „Krietschis“ bezeichnet und dadurch ihrer Individualität und Menschlichkeit beraubt. Auf diese Weise erscheint den Kolonisten ihre eigene Grausamkeit gerechtfertigt. Gerade diese Darstellung fand ich erschreckend realistisch. 

Auch die unterschiedlichen Figurenperspektiven haben das Buch für mich spannend gemacht. Captain Davidson ist dabei eine besonders interessante Figur. Seine Arroganz, sein Rassismus und sein Glaube an das Recht des Stärkeren machen ihn zwar äußerst unsympathisch, gleichzeitig verdeutlicht er aber, wohin eine Haltung führen kann, die alles nach Macht, Kontrolle und Nutzen bewertet. 

Dem gegenüber steht Selver, ein Athscheaner, der durch die Gewalt der Menschen gezwungen wird, sich zu wehren. Dabei lernt er etwas, das seiner Kultur zuvor fremd war: das Töten. Gerade dieser innere Konflikt macht seine Entwicklung so interessant und tragisch. 

Besonders gelungen finde ich, dass Le Guin die Geschichte nicht mit einer einfachen oder eindeutig ... ⬇️ by @la_chienne
25
4 months ago
Download
In "Lautgemalte Nacht" beschreibt Victoria Hohmann auf sehr eindringliche und zugleich einfühlsame Weise die Demenzerkrankung einer Frau Mitte 60 aus der Sicht ihrer Tochter. Es ist tatsächlich der erste offizielle Roman der Autorin, deren andere experimentelle Texte ich ebenfalls sehr schätze.

Besonders eindrucksvoll fand ich, dass das Buch Demenz nicht nur als Krankheit zeigt, sondern als einen Prozess, der den gesamten Alltag und die Beziehungen innerhalb einer Familie verändert. Sehr sensibel beschreibt Victoria Hohmann, wie Erinnerungen und Sprache nach und nach verschwinden und wie schwer es wird, einen Menschen wiederzuerkennen, der körperlich noch da ist, sich innerlich aber immer weiter entfernt. Genau dieses Gefühl machen die vielen Nebelbilder für mich greifbar. Der Nebel steht für die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit auf beiden Seiten: für die Erkrankten, die sich selbst verlieren, aber auch für die Angehörigen, die versuchen, sich in einer völlig neuen Realität zurechtzufinden. 

Auch der Vergleich mit der Brausetablette im Wasser gleich zu Beginn ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ähnlich wie die Zellengrafik zwischen den Kapiteln, die nach und nach immer durchlässiger wird, macht er sichtbar, wie ein Mensch sich langsam auflöst, ohne plötzlich zu verschwinden. Gleichzeitig gibt es immer wieder humorvolle oder absurde Momente, die den Text trotz seines schweren Themas nicht hoffnungslos wirken lassen. Gerade diese Mischung empfand ich als sehr lebensnah, denn auch im echten Alltag mit Demenz existieren Trauer und kleine komische Situationen doch oft nebeneinander.

Sehr nahe ging mir die Frage: „Wie schaffe ich es, für jemanden zu sprechen, der mir so nahe ist und sich doch jeden Tag weiter entfernt?“ In diesem Satz steckt für mich das ganze Dilemma vieler Angehöriger. Man möchte verstehen, helfen und festhalten, merkt aber gleichzeitig, dass man den anderen nicht erreichen kann wie früher. Besonders berührt hat mich außerdem die Stelle, an der beschrieben wird, wie groß die Freude über einen klaren Satz oder einen kurzen vertrauten Moment sein kann. Solche Augenblicke kennen vermutlich viele Angehörige: kleine Zeichen dafür, ... ⬇️ by @la_chienne
26
5 months ago
Download
Mit "Im Licht der Lofoten" erzählt Sophie Van der Linden die Geschichte der schwedischen Malerin Anna Boberg. Im Mittelpunkt steht ein Winter Anfang der 1930er Jahre, den Anna – wie so oft – allein auf den norwegischen Lofoten verbringt. Dort lebt sie in einer einfachen Hütte und arbeitet an ihrer Malerei.
Ihr festes Ziel: "Dieses Mal geht es jedoch um die Frage, ob es mir gelingen kann, meiner Arbeit in meiner eigenen Heimat Anerkennung zu verschaffen."

Die Bedingungen sind extrem: Kälte, Einsamkeit und eine Natur, die ebenso karg wie überwältigend ist. Und doch ist genau dieser Ort für sie unverzichtbar, denn hier findet sie das, was ihre Kunst antreibt: das Licht.
Van der Linden beschreibt diese Lichtverhältnisse mit einer beeindruckenden Präzision: das "unbarmherzige Weiß" des Schnees, das jede Kontur verschluckt, das tiefe Blau der Polarnacht und die flüchtigen Gelb- und Rosatöne der tiefstehenden Sonne. 

Der Roman ist fast tagebuchartig geschrieben. Dadurch wirkt Annas Gedankenwelt direkt und nahbar. Zudem passt diese Form perfekt zu der existenziellen Situation, in der sich Anna befindet: reduziert auf das Wesentliche, konzentriert auf Wahrnehmung, Arbeit und Wiederholung. 

Ein zentrales Thema ist das Erinnern: In der Einsamkeit denkt sie immer wieder an ihr Leben in Stockholm zurück, an ihre Ehe mit dem Architekten Ferdinand Boberg, an die konventionellen gesellschaftlichen Erwartungen und an die Anfänge ihrer künstlerischen Laufbahn. Diese Rückblicke helfen ihr, ihre Entscheidungen besser zu verstehen und geben ihr – auch wenn ihr Weg nicht frei von Zweifeln ist – Halt.
"Dabei lasse ich Erinnerungen hochkommen und halte mich an ihnen fest, damit sie mich von meiner Angst ablenken. Was, wenn ich es nicht schaffe?"

Gleichzeitig wird deutlich, dass sie sich bewusst für ein anderes Leben entschieden hat. Die Distanz zu ihrem Mann zeigt, dass ihre künstlerische Arbeit für sie an erster Stelle steht. Sie liebt ihren Mann, ordnet ihre schöpferische Freiheit dieser Liebe aber nicht unter.
"Und doch habe ich manchmal das Gefühl, mich von dir losreißen zu müssen. […] Während meiner Aufenthalte auf den Lofoten ergreife ich wieder ... ⬇️ by @la_chienne
31
6 months ago
Download
Tezer Özlüs Text "Die kalten Nächte der Kindheit" ist stark autobiografisch geprägt und schildert das Aufwachsen in einer türkischen Kleinstadt innerhalb einer Familie, die von Schweigen und emotionaler Kälte bestimmt ist. Schon zu Beginn wird die bedrückende Enge und Isolation spürbar. Die „kalten Nächte“ stehen dabei nicht nur für reale Erfahrungen, sondern sinnbildlich auch für eine tiefe Vereinsamung. Özlü beschreibt ihre Suche nach Identität und ihre Widerständigkeit gegen gesellschaftliche Erwartungen – als Tochter, als Frau und als Teil einer patriarchalen Ordnung – in großer Unmittelbarkeit. 

Besonders erschütternd sind die Passagen über ihre Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen und die dort erfahrenen Elektroschocktherapien. Eindringlich zeigt sie, wie Anpassungsdruck und Disziplin das Individuum unterdrücken können. Zugleich blitzen immer wieder Momente von Schönheit und flüchtigem Glück auf, die sich zwischen die bruchstückhaften Erinnerungen schieben.

Die fragmentarische Struktur mit wechselnden Zeiten und Orten verstärkte für mich noch mal die Wirkung des Textes, da sie die innere Zerrissenheit ebenso wie die gesellschaftlichen Spannungen spiegelt.

Es ist ein bewegter und bewegender Lebensweg, geprägt von Scheitern, Aufbegehren und einer immens intensiven Suche nach Lebendigkeit, den Özlü vor uns ausbreitet. Ihr Buch zeigt eindrucksvoll, wie Literatur existenzielle Erfahrungen sichtbar machen kann, und wirkt auch heute noch erstaunlich gegenwärtig.

Aus dem Türkischen neu übersetzt von Deniz Utlu, der zudem ein interessantes Nachwort beisteuert.

Vielen Dank an @suhrkampverlag für das Rezensionsexempar! by @la_chienne
21
6 months ago
Download
Muriel Pic, Schriftstellerin, bildende Künstlerin und Literaturwissenschaftlerin, und Anne Weber, Autorin und literarische Übersetzerin, nehmen uns in "Kleiner Tränenatlas" mit auf eine ungewöhnliche Reise, auf der eine imaginäre Kartografie entsteht. 

Ihr Ziel – übrigens angeregt durch den erst kürzlich verstorbenen Alexander Kluge – war es, historische Quellen, Zeugnisse und Archive literarisch kreativ zu nutzen, ohne sich an formale Regeln zu binden oder auf klassische Kommunikationsformen wie Briefe oder Gespräche zurückzugreifen. In der Vorbemerkung bezeichnen sie ihr Vorgehen selbst als eine Art „literarisches Pingpong“, bei dem jeder Beitrag zwei Prinzipien folgt: Er ist einem neuen dokumentarischen Ort zugeordnet. & Er greift ein Element (Spur, Wort, Bild, Gedanke) des vorherigen Beitrags auf. 

Daraus ist eine besondere Form – experimentell, fast spielerisch, mit unerwarteten, spannenden Verknüpfungen – entstanden, die durch Abbildungen ergänz wird und beim Lesen definitiv viel Aufmerksamkeit verlangt, aber mit immer wieder überraschenden Wendungen belohnt und die eigenen Gedanken munter mitspringen lässt. 

So führt etwa eine Spur über das Herbarium Rosa Luxemburgs und die Frage, ob es Liebe ist, die den Revolutionär hervorbringt, oder Hass, über Krieg und Wahn hin zu Kreuz und Tod. Mal sind Familienfotos mit einem Schwan am Vorabend des Krieges Ausgangspunkt, von dort geht es weiter zu den Filzschwänen eines alten Reiternomadenvolks als Begleiter auf der letzten Reise – bis hin zu Paul Klees kontrastreichem Herbarium, aus dem ein Motiv das Cover ziert, und zur Anekdote um die Springbohnen der Surrealisten. 

Den beiden Autorinnen gelingt es, Geschichte literarisch lebendig zu machen, indem sie die Vergangenheit in einem kreativen Dialog zu Wort kommen lassen. Da ich große Freude an experimentellen, kreativen Texten habe, war dieses Buch für mich genau das richtige. 

"[...] denn das Netz, dieses unergründliche Netz, das sich ständig vor uns öffnet und uns verschluckt, wenn wir nicht aufpassen, und sogar wenn wir aufpassen, saugt uns immer tiefer in sich hinein, wo wir ständig auf Perlen und Merkwürdigkeiten stoßen, bis uns von den Verästelungen ... ⬇ by @la_chienne
33
6 months ago
Download
×

Download all media on this page

Photos Videos
back to up